Blätter aus dem Brotsack - Dienstbüchlein - Schweiz ohne Armee?: Diese drei Werke markieren die Entwicklung, welche Max Frischs Verhältnis zur Landesverteidigung durchlaufen hat. Sie dokumentieren den Wandel vom Soldaten, welcher sein Vaterland zu verteidigen bereit ist und sich vom Krieg - trotz seines Schreckens - auch positive Veränderungen erhofft, bis hin zum Pazifisten und Gesellschaftskritiker, welcher schliesslich mit einer Plakataktion für die Abschaffung der Armee wirbt. Was diese Entwicklung besonders interessant macht ist, dass sie nicht nur für Frisch selbst, sondern für die öffentliche Diskussion über dieses Thema insgesamt typisch ist.
Landesverteidigung hat immer einen abstrakten und einen konkreten Aspekt. Es geht nicht nur generell um die Frage, ob und wie sie vollzogen werden kann und soll; es geht immer auch um die Frage, was verteidigt wird. Man wird Frischs Verhältnis zur Landesverteidigung nur dann erfassen können, wenn man auch seine Haltung zur Schweiz miteinbezieht. Es wird deshalb in dieser Arbeit zwangsläufig auch davon die Rede sein, weshalb Frisch die Erhaltung der Schweizer Gesellschaft in ihrer aktuellen Form immer weniger wünschenswert erschien - allerdings ohne den Anspruch, dieses für den Autor so zentrale Thema erschöpfend zu behandeln.
Konkret sollen folgende Fragen untersucht werden:
Die Antworten auf diese Fragen werden für den jungen Frisch selbstverständlich ganz anders ausfallen als für den alten Frisch. Die vorliegende Arbeit versucht deshalb, diese Entwicklung nachzuzeichnen und Gründe dafür aufzuzeigen. Zu diesem Zweck ist sie zunächst chronologisch nach den einzelnen Werken gegliedert; innerhalb der einzelnen Kapitel sind die Aussagen dann aus der für Frisch typischen Montageform herausgelöst und im Sinnzusammenhang angeordnet.
Es geht hier erklärterweise nicht darum, Frischs Äusserungen gemäss dem heutigen Stand der Geschichtsforschung zu bewerten, sondern um seine ganz persönliche Meinung. Dennoch soll sie nicht unwidersprochen bleiben: Auch den Reaktionen der Kritiker wurde Platz eingeräumt.
Die beiden Themen Landesverteidigung und Schweiz sind nicht nur für diese Arbeit, sondern für das gesamte Werk von Max Frisch zentral. Da es unmöglich ist, auf rund 30 Seiten sämtliche Texte Frischs auf diese beiden Punkte hin zu untersuchen, musste ich eine Auswahl treffen.
Ich habe vorwiegend diejenigen Werke verwendet, in denen sich Frisch explizit und hauptsächlich mit seinem Soldatsein befasst: Tagebuch eines Soldaten, Blätter aus dem Brotsack, Blätter aus dem Brotsack (Neue Folge), und Dienstbüchlein.[1] Nicht berücksichtigt habe ich dagegen Schweiz ohne Armee?, und zwar aus zwei Gründen: Erstens wurde dieses Stück erst im Jahre 1989 veröffentlicht, wodurch es eindeutig nicht mehr in den zeitlichen Rahmen des Seminarthemas passt; dies gilt zwar auch für das Dienstbüchlein, aber man wird Frisch ganz einfach nicht gerecht, wenn man die Blätter aus dem Brotsack ohne jene spätere Neubewertung behandelt. Und zweitens liefert Schweiz ohne Armee? vergleichsweise wenig neue Aspekte, so dass ich den mir zur Verfügung stehenden Platz lieber für eine etwas ausführlichere Textanalyse der früheren Werke verwendet habe.
Natürlich hat der 2. Weltkrieg auch in vielen anderen Werken Frischs seinen Niederschlag gefunden, etwa im Tagebuch 1946-1949 oder in den Stücken Nun singen sie wieder, Als der Krieg zu Ende war, Biedermann und die Brandstifter und Andorra, wie Biedermann[2] darlegt. Da es in dieser Arbeit jedoch nicht in erster Linie um den 2. Weltkrieg und den Faschismus geht, blieben auch diese Texte unberücksichtigt.
Max Frisch hat seine Texte für spätere Ausgaben häufig nochmals überarbeitet. Damit stellt sich natürlich die Frage, welche Version man für eine solche Arbeit heranziehen soll. Ja man muss sich sogar fragen, ob nicht aus dem Vergleich zwischen den einzelnen Versionen ebenfalls eine Entwicklung ihres Autors herausgearbeitet werden kann.
Ich habe mich dazu entschlossen, grundsätzlich diejenige Fassung zu verwenden, welche in den Gesammelten Werken in zeitlicher Folge abgedruckt wurde, wie dies in der Sekundärliteratur über Max Frisch allgemein üblich ist. Dies hat einerseits den Vorteil, dass man die zitierten Textstellen aus den verschiedenen Werken am bequemsten nachschlagen kann und dass hier teilweise auch Werke abgedruckt sind, welche als Einzelausgabe vergriffen sind. Andrerseits entspricht diese Zusammenstellung - welche sich selbst als endgültige Textfassung versteht - Frischs Vorstellung, hatte er doch das Recht, über Aufnahme oder Nichtaufnahme eines Textes zu entscheiden.[3] Dies birgt zwar die Gefahr, dass Frisch seine frühen Texte resp. deren Fassungen gemäss seinen späteren Ansichten ausgewählt hat. Genau dies wäre natürlich für die vorliegende Arbeit - welche ja genau den Wandel in seiner Haltung nachzeichnen will - ungünstig. Mayer hält allerdings fest, dass Frisch insgesamt nur wenige Texte abgelehnt hat, und auch dann
"in keinem Fall aus inhaltlicher Erwägung: weil er etwa mit damaligen Aussagen nicht mehr übereinstimmte, sondern wenn es sich um schwächere Wiederholungen von Texten handelte, die ihrerseits in der Ausgabe erscheinen sollten."[4]
Bei Texten, welche für diese Arbeit von Bedeutung, aber nicht in den Gesammelten Werken enthalten sind, habe ich nach Möglichkeit den kürzlich vom Archivar des Max-Frisch-Archivs Walter Obschlager herausgegebenen Band Schweiz als Heimat? verwendet. Bei Texten, welche in keiner der beiden genannten Zusammenstellungen auftauchen - dies betrifft etwa das Tagebuch eines Soldaten - habe ich auf die Erstausgabe zurückgegriffen.
Aus der genannten Quellenauswahl folgt, dass ich darauf verzichtet habe, die einzelnen Fassungen eines Texts miteinander zu vergleichen. Dies deshalb, weil ein solcher Vergleich nicht nur den Rahmen einer Seminararbeit sprengen würde, sondern auch für den Historiker wesentlich weniger ergiebig ist als für den Literaturwissenschafter, wie de Vins Arbeit gezeigt hat.[5]
[1] Für Veröffentlichungsdaten und genaue bibliographische Angaben dieser und aller folgenden Werke Frischs vgl. den Anhang sowie das Literaturverzeichnis.
[2] Biedermann, Politisches Theater, S. 1.
[3] Mayer im Nachwort des Herausgebers, GW VI, ohne Seitennummer.
[4] Mayer im Nachwort des Herausgebers, GW VI, ohne Seitennummer.
[5] De Vin (Max Frischs Tagebücher, Kap. 3) hat die unterschiedlichen Fassungen der Blätter aus dem Brotsack verglichen. Dabei lässt sich keine wesentliche Entwicklung in Frischs Haltung gegenüber der Landesverteidigung feststellen.