5. Dienstbüchlein

35 Jahre nach der Veröffentlichung der Blätter aus dem Brotsack machte Max Frisch seinen Aktivdienst nochmals zum Thema eines Buches: Das Dienstbüchlein ist eine Neuinterpretation jener Zeit, welche Frisch erklärtermassen mit dem Wissensstand und der politischen Überzeugung von 1974 vornahm. Es ist geprägt von einer Betroffenheit darüber, was er alles nicht gewusst oder zumindest nicht realisiert hatte: die Kooperation der Schweiz mit Nazi-Deutschland, die Mechanismen der Armeehierarchie und die wirtschaftlich-sozialen Zustände im Land, das verteidigt werden sollte. Fühlte sich Frisch beim Verfassen der Neuen Folge der Blätter aus dem Brotsack ernüchtert, so fühlte er sich beim Dienstbüchlein hintergangen und missbraucht.

5.1 Haltung gegenüber dem Militärdienst

Frisch gesteht nach wie vor ein, dass er im Dienst auch positive Erlebnisse hatte: etwa das intensive Erleben der Natur, des eigenen Körpers und seiner Fähigkeiten:

"Sofort meldet sich auch ein gewisser Stolz: man hat Kisten getragen, ein Student, der sich vor Arbeitern nicht lächerlich machte."[108]

Insgesamt aber sagt er klar:

"Ich bin ungern Soldat gewesen."[109]

Zu einem nicht unwesentlichen Teil hängt dies wohl mit den Unannehmlichkeiten, der Einschränkung der Individualität und der Selbstbestimmung der Soldaten, dem Drill und den militärischen Formen, den oft als sinnlos empfundenen Befehlen und Übungen zusammen.[110] Immerhin anerkennt er:

"Keine Leuteschinderei oder kaum, allenfalls aus Versehen, nicht aus Bösartigkeit."[111]

Es ist interessant, dass diese Dinge im Dienstbüchlein wesentlich wichtiger sind als in den Blättern aus dem Brotsack, obwohl man meinen könnte, dass sie ein Soldat im Moment wesentlich stärker empfinden würde als nach 35 Jahren.

Trotzdem steht Frisch nach wie vor dazu, dass er damals den Militärdienst befürwortete, weil er nur darin eine Möglichkeit sah, den Faschismus zu bekämpfen:

"Ich habe nie an Dienstverweigerung gedacht. Das Versprechen des Bundesrates und aller, die für unsere Armee sprechen konnten, die Beteuerung, dass die Schweiz sich militärisch verteidigen werde, deckte sich mit meinem Bedürfnis und persönlichen Willen. Ich war in Sorge um eine deutsche Jüdin in der Schweiz. [...] Man rechnete mit dem deutschen Überfall. Ich hatte Angst. Ich war dankbar für alles, was nach Waffe aussah. Ich verweigerte mich jedem Zweifel an unserer Armee."[112]

5.2 Selbstverständnis und Verteidigungsbereitschaft der Armee

Rückblickend sind jedoch diese Zweifel sehr wohl vorhanden:

"Hätte unsere Armee gekämpft? Wie lange?"[113]

Diese Fragen stellen sich Frisch nicht nur angesichts der ungenügenden Bewaffnung,[114] des fragwürdigen Reduit-Konzepts[115] und der an sich aussichtslosen Lage;[116] viel mehr zweifelt er daran, ob die massgebenden Leute in der Schweiz tatsächlich gegen die Nationalsozialisten gekämpft und nicht mit ihnen paktiert hätten. Damals bestand zwar

"unsrerseits kein Zweifel an der Kampfbereitschaft unserer hohen Kader, kein Verdacht."[117]

Aber inzwischen weiss Frisch, dass General Guisan kurz nach dem Rütli-Rapport vom Bundesrat Verhandlungen mit Berlin forderte, "'pour tenter un apaisement et instituter une collaboration.'"[118] Eine ähnliche Haltung vermutet er nachträglich auch bei anderen Vertretern des Armeekaders:

"Im Dienst war es nicht zu erfahren, welche unsrer hohen Offiziere damals fanden, dass gegen Adolf Hitler, sofern er unsere Neutralität nicht antastet, nicht viel zu sagen wäre, im Gegenteil: - Schluss mit den roten Gewerkschaften, eine gewisse Eindämmung der Juden, wobei Ungerechtigkeiten bedauerlich sind, andrerseits ein gesunder Aufschwung, eine gesunde und tüchtige Jugend..."[119]

Diese Haltung wirkte sich nach Frischs Beobachtung aus auf das Verständnis, welches die gesamte Schweizer Armee von sich selbst hatte:

"Ich versuche mich zu erinnern, wie über Hitler geredet wurde. Wenig. Die deutsche Art war ohnehin nie beliebt gewesen, die deutsche Schnauze, der Sauschwab. Ich erinnere mich kaum an politische Auseinandersetzungen innerhalb der Mannschaft. Kein Hitler in der Schweiz, hier hatten die Deutschen nichts zu suchen. Ein politisches Feindbild wurde in unsrer Armee, soweit ich es erlebt habe, nicht aufgebaut."[120]

"Die Armee, die dieses ihr Vaterland vertrat, äusserte sich nicht politisch, nur national; ihre Devise war nicht Kampf gegen Faschismus, sondern Kampf für die Schweiz."[121]

Was Frisch allerdings kritisiert, ist nicht nur

"allerlei Verratsbereitschaft vorallem in den gesellschaftlichen Gruppen, die von Verantwortungsbewusstsein sprechen heute wie damals",[122]

sondern nicht zuletzt auch, dass jene nicht aufgearbeitet worden ist, weil

"so viel Ungeheuerlichkeit [...] damals geschehen [ist] ausserhalb unsrer Grenzen, dass wir uns kaum mit uns selber befassen müssen."[123]

5.3 Patriotismus und Schweizer Mentalität

Frisch leugnet nicht, dass er zu Beginn des Zweiten Weltkriegs patriotische Gefühle empfand. Rückblickend ist er jedoch enttäuscht darüber, dass dieses Gefühl - wie auch die Religion[124] - von den Vorgesetzten für ihre Zwecke instrumentalisiert wurde:

"Vaterland - vage Chiffre für ein starkes Gefühl, das ich hatte am 2.9.1939 auf den Bahnhöfen und im Zug voll Soldaten (ohne vaterländische Lieder). [...] In der Mannschaft wurde das Wort kaum gesprochen; es gehörte den höheren Vorgesetzten. [...] Es rechnete mit uns, das Vaterland, aber wir waren nicht seine Sprecher, seine Stimme."[125]

Trotzdem bekennt sich Frisch auch jetzt noch zu - wenn auch veränderten - patriotischen Gefühlen:

"Bedürfnis nach Zugehörigkeit, ich bin hier und nicht anderswo geboren, das naive Gefühl von Zugehörigkeit und später das Bewusstsein von Zugehörigkeit, ein kritisches Bewusstsein, das die Zugehörigkeit keineswegs aufhebt."[126]

Dieses kritische Bewusstsein äussert sich unter anderem - wie schon in der Neuen Folge der Blätter aus dem Brotsack - in einem deutlichen Unbehagen gegenüber dem schweizerischen Selbstverständnis:

"Was man damals wie heute einen rechten Schweizer nannte: [...] Er muss nicht Turner sein, Schützenkönig, Schwinger usw., doch etwas Gesundes gehört zu ihm, etwas Männerhaftes. Es kann auch ein dicker Wirt sein; das Gesunde in der Denkart. [...] Was das ist, braucht man einem rechten Schweizer nicht zu erklären. [...] Es hat nichts mit dem Dienstgrad zu tun, so ist es nicht. [...] Es hat auch nichts mit dem Einkommen zu tun. [...] Wer nicht wissen sollte, was ein rechter Schweizer ist, lernt es spätestens beim Militär."[127]

Speziell der Mangel an Ideen, Unternehmungslust und geistiger Beweglichkeit wird kritisiert:

"Der rechte Schweizer lässt sich nicht auf Utopien ein, weswegen er sich für realistisch hält. [...] Das Gesunde in der Denkart: eine gewisse Bedächtigkeit, alles schnellere Denken wirkt sofort unglaubwürdig. Er steht auf dem Boden der Tatsachen, hemdärmlig und ohne Leichtigkeit. Da der rechte Schweizer eben sagt, was er denkt, schimpft er viel und meistens im Einverständnis mit andern; daher fühlt er sich frei."[128]

Auch die Landesausstellung - in den Blättern aus dem Brotsack noch als Sinnbild für seine Heimatliebe dargestellt - sieht Frisch nun mit anderen Augen:

"Viel Hübsches, viel Behagliches (Heimat-Stil) in Attrappen trauter Dörflichkeit. Was dem Nationalsozialismus entgegen zu halten war: unser Brauchtum. [...] Ein einig Volk von Brüdern, das in Frieden lebt und in einem schönen Land und tüchtig und in Demokratie wie nirgends auf der Welt, viersprachig und schlicht zwischen Alphorn und Maschinen-Industrie. Ohne Utopie, immun gegen alles Unschweizerische. Selbstvertrauen aus Folklore. Was mir damals nicht auffiel: der dezente Geruch von Blut-und-Boden - helvetisch."[129]

5.4 Macht und Klassenkonflikt

Frisch weist immer wieder darauf hin, dass Offiziere und Soldaten unterschiedlichen "Kasten"[130] angehören. Dies macht sich nicht nur in der unterschiedlichen Ausrüstung und Unterbringung bemerkbar,[131] sondern zeigt sich auch daran, dass die beiden Gruppen keinen Kontakt miteinander pflegen, welcher über das dienstlich Notwendige hinausgeht.[132]

Was Frisch stört, ist nicht nur das soziale Gefälle, welches er darin erkennt, sondern dass die Offiziere eine sehr konkrete Macht über die Soldaten haben und diese auch missbrauchen können. Dies zeigt sich bereits bei verhältnismässig unwichtigen Angelegenheiten -

"Es gibt ein Beschwerde-Recht, auch das weiss man. Steht Aussage gegen Aussage, so gilt die Aussage des höheren Dienstgrades."[133]

- und findet seine logische Fortsetzung in der Tatsache,

"dass Landesverräter vorallem in den unteren und untersten Dienstgraden gefunden worden sind. [...] Landesverrat auf höherer Ebene, wo grössere Geheimnisse denkbar sind, [...] scheint es nicht gegeben zu haben; jedenfalls kam es da zu keiner einzigen Exekution."[134]

Für Frisch persönlich besonders wichtig ist das bereits in den Blättern aus dem Brotsack erwähnte Erlebnis mit dem Hauptmann, der ihm droht:

"Für Leute wie Sie habe ich im Ernstfall ganz besondere Posten!"[135]

Diesen Zwischenfall bewertet Frisch im Dienstbüchlein eindeutig anders als damals:

"Ein Vorkommnis an jenem Tag, in meinem treuherzigen Tagebuch nur beiläufig erwähnt, nimmt sich im Gedächtnis anders aus; offenbar wollte ich damals einen Schock nicht zugeben..."[136]

Im Bewusstsein dieser Macht spricht er auch ganz anders von Gehorsam. Zwar heisst es auch jetzt noch:

"Ich muss sehr gehorsam gewesen sein. Vorerst aus Einsicht: eine grössere Gruppe kann wenig ausrichten, wenn sie nicht durch eine befehlende Vernunft zu lenken wäre."[137]

Als eigentlichen Grund für den Gehorsam sieht Frisch jedoch nicht das Interesse an der Sache, sondern den Wunsch, Schikanen und Strafen zu vermeiden. Er konstatiert eine "Mannschaft im Zustand des Stumpfsinns" mit einem "Leckt-mich-am-Arsch-Gehorsam".[138] Diesen Gehorsam will er auch klar unterschieden wissen vom Begriff 'Disziplin', welcher von den Vorgesetzten mit Vorliebe verwendet wurde:

"Der Wille, etwas zu lernen und zu leisten, kann als Disziplin bezeichnet werden. Das setzt eine Person voraus. Disziplin entspringt dem Bewusstsein, dass man über sich selber verfügt, nicht dem Bewusstsein, dass über uns verfügt wird. Das Militär (so wie ich es erfahren habe) verwechselt Disziplin mit Gehorsam."[139]

Diese Kritik am autoritären Prinzip der Armee mündet im folgenden, oft zitierten Satz:

"Der Widerspruch, dass die Armee zur Verteidigung der Demokratie in ihrer ganzen Struktur antidemokratisch ist, erscheint nur als Widerspruch, solange man die Beteuerung glaubt, sie verteidige Demokratie, und das glaubte ich allerdings in diesen Jahren."[140]

Sehr deutlich arbeitet Frisch im Dienstbüchlein den Zusammenhang zwischen militärischem Rang und sozialer Stellung heraus. Ihn ärgert nicht nur die Situation an sich, sondern auch, dass sie von den Untergebenen widerstandslos[141] hingenommen wurde:

"Die [Herren] waren, vom Arbeiter aus gesehen, lauter Gebildete oder zumindest wohlhabend, daher berechtigt, die Truppe zu führen und in Betten zu schlafen. Sie verfügten über Fremdwörter. Was sie im Gefecht taugen würden, stand nicht zur Frage; sie hatten Kurse hinter sich und daher eine Art von Geheimwissen, wie es im Gefecht zugeht."[142]

Hinter dieser Kritiklosigkeit vermutet Frisch einen Mechanismus, welcher wiederum auf den sozialen Unterschieden basiert:

"Die meisten in der Mannschaft waren Arbeiter, aber das militärische Milieu (für die Mannschaft) entspricht dem Milieu des Kleinbürgertums; das Militär braucht den Kleinbürger, seine Verängstigung und seinen Ehrgeiz, bürgerlich zu erscheinen. Wenn ein Offizier, der aus einer Villa kommt, zu einem Arbeiter in Uniform redet: er befördert ihn sofort zum Kleinbürger, um ihn auf ein Milieu zu verpflichten, das dem grossbürgerlichen nachstrebt."[143]

Und sollte - so Frisch - diese feinere Methode nicht funktionieren, so schrecke das Grossbürgertum auch nicht vor nackter Gewalt zurück: Als Beispiele nennt er die Truppeneinsätze gegen Arbeiter 1918 und 1932.[144]

Schliesslich kritisiert Frisch auch, dass jeder, welcher sich nicht seinem Stand gemäss in diese Hierarchie eingliedern wollte, automatisch verdächtig war:

"Der Major, als ich kein Interesse zeigte, Offizier zu werden, wurde sauer: Warum nicht? Ich wollte nicht Anwalt oder Arzt oder Prokurist oder Mittelschullehrer oder Fabrikant werden, sondern Dichter; das konnte ich natürlich nicht sagen. Daher seine Frage, ob ich Kommunist sei."[145]

5.5 Reaktionen auf das Dienstbüchlein

Das Dienstbüchlein löste ebenso heftige wie kontroverse Reaktionen aus. Sie fanden in Dutzenden von Zeitungs- und Zeitschriftenrezensionen, Rundfunkbesprechungen und Leserbriefen ihren Niederschlag, von denen ich hier nur eine beschränkte Auswahl wiedergeben kann.

Uneinigkeit herrscht bereits in der grundsützlichen Frage, ob dem Buch neben dem literarischen auch ein geschichtswissenschaftlicher Wert zukomme. Für Ernst Leisi konstruiert Frisch "aus vielen richtigen Einzelheiten ein falsches Geschichtsbild",[146] und beschreibt demzufolge einen "Mythos, nicht Geschichte".[147] In der Rezension der Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift fällt entsprechend das Stichwort "fragwürdige Geschichtsbetrachtung":[148] Für Schweizer, welche den 2. Weltkrieg miterlebt hätten, sei das Dienstbüchlein "als Zeitbild des Aktivdienstes unglaubhaft."[149]

Für Hilty dagegen ist es wohl "keine Dokumentation im Sinn der Geschichtsschreibung",[150] aber trotzdem

"eine Ergänzung, die wichtig, ja wohl unerlässlich ist, wenn man ein glaubwürdiges Bild der Zeit gewinnen will."[151]

Ähnlich sieht es Hermann Burger als

"einen Beitrag [...] zur Bewältigung der militärischen Vergangenheit."[152]

Jean Rudolf von Salis schliesslich spricht von einem "wohldurchdachten literarischen Kunstwerk, das auch ein Geschichtswerk ist"[153] und attestiert,

"dass Frischs Schilderung des schweizerischen militärischen Milieus während des Zweiten Weltkrieges korrekt ist."[154]

Ebenso unterschiedlich sind die Meinungen darüber, ob Frischs kritische Äusserungen als grundsätzliche, uneingeschränkte Ablehnung der Schweizer Armee oder gar der Schweiz als Ganzes zu verstehen sind. Viele Rezensenten weisen auf einen - im gesamten Werk aufscheinenden - Zwiespalt des Autors hin, den Marcel Reich-Ranicki folgendermassen zusammenfasst:

"Erneut zeigt sich, dass Frischs Verhältnis zur Schweiz durchaus ambivalent ist. Aber die sich hier aufdrängende Vokabel 'Hassliebe' wäre doch fehl am Platz. Von Hass kann überhaupt nicht die Rede sein, und auch der Zorn hält sich wohl in Grenzen. Mit solchen Worten wie Zweifel, Unbehagen und Skepsis und andrerseits Sympathie, Anhänglichkeit und Verbundenheit kommt man der Sache gewiss näher."[155]

Entsprechend schreibt etwa von Salis:

"Wird man in gewissen Kreisen Frischs Dienstbüchlein als eine prinzipielle, als eine fundamentale Kritik am schweizerischen Militärwesen verstehen? So wie ich ihn zu verstehen glaube, wäre das ein Missverständnis."[156]

Ähnlich urteilt Hilty:

"Die Unterstellung, das Dienstbüchlein sei als Traktat zugunsten der Militärdienstverweigerung geschrieben, geht radikal an seiner Bedeutung vorbei."[157]

Vielmehr zeige es,

"was Heimatgefühl und Patriotismus heute noch sein können, als 'kritisches Bewusstsein'".[158]

Richard Butz spricht sogar von einer "kritischen Liebe",[159] und ebenso beobachtet Die Tat:

"Ein Helvetier macht sich Sorge um seine Armee."[160]

Leisis Artikel dagegen versucht Frisch anhand zahlreicher Beispiele nachzuweisen, dass er alles, was seine negative Darstellung relativiert hätte, verschleiert oder gar unterdrückt habe.[161] Und auch andere Kritiker machen durch ihr durchwegs ablehnendes Urteil deutlich, dass sie im Dienstbüchlein keine positive Haltung bezüglich der Schweiz und ihrer Armee zu erkennen vermögen.[162]

Zu Diskussionen Anlass gab ferner das dargestellte "Kastensystem". [193] Leisi versteht Frisch so, dass

"die schweizerische Armee [...] aus zwei 'Kasten' [bestand], oben die herrschende Klasse (Offiziere, Finanz), unten die beherrschte (Mannschaft, Arbeiter), unkritisch, gläubig und 'entmündigt'. Dementsprechend war der Zweck dieser Armee weniger die Abwehr eines Angriffs der Faschisten - denn man war ja 'oben' schon faschistisch - als vielmehr die Niederhaltung der unteren Kaste."[164]

Dies aber sei eine falsche Darstellung, denn sie "suggeriert einen hermetischen Abschluss der beiden 'Kasten' gegeneinander",[165] welcher nicht existierte. Ausserdem fehlten im Dienstbüchlein die Vertreter der Mittelschicht, weil diese das von Frisch beabsichtigte Bild einer Zweiklassen-Gesellschaft gestört hätten.[166] Auch Burger lehnt diese Darstellung ab:

"Erstens wird ja der Grad nicht standeshalber verliehen, sondern abverdient, und zweitens verkennt Frisch, dass Befehlen schwieriger sein kann als das Ausführen von Befehlen."[167]

Demgegenüber gibt von Salis zu bedenken, dass sogar "General Guisan [...] in seinem Schlussrapport den bürgerlichen Kastendünkel des Offizierskorps gerügt" habe.[168] Und Kaiser meint:

"Die Konsequenzen über Klassen und Klassengesellschaft, die Frisch aus alledem zieht, [...] alles das ist meisterhaft und ist Dynamit."[169]

Insgesamt herrscht aber Einigkeit darüber, dass Frisch kein neutraler Beobachter ist, was Schmitz folgendermassen formuliert:

"Das 'Dienstbüchlein' spielt die beiden Perspektiven - 'von oben' und 'von unten' - gegeneinander aus; aus intimer Kenntnis der oberen zur Parteilichkeit entschlossen, nimmt es die Perspektive 'von unten' ein."[170]

Auf Frischs Vorwurf, die Schweizer Führungsgruppen hätten sich nicht klar gegen den Nationalsozialismus ausgesprochen, sondern vielmehr mit Deutschland kooperiert oder sogar sympathisiert, wird dagegen kaum eingegangen. Damit wird meiner Ansicht nach eine wichtige Aussage des Dienstbüchleins und eine wesentliche Motivation Frischs, jenes zu schreiben, vernachlässigt. Eine Ausnahme stellt hier Franvois Bondy dar: Er bestätigt, dass fast alle Offiziere zumindest "die soldatischen Fähigkeiten der Deutschen bewunderten",[171] merkt aber an:

"Der Appell an primitivere Mächte statt an ein politisch klares Bewusstsein war offenbar ein viel allgemeineres Phänomen als dasjenige der bürgerlichen Gesellschaft der Schweiz."[172]

Rundweg abgelehnt wird Frischs Kritik dagegen von Beck, welcher behauptet:

"Die meisten Schweizer waren damals überzeugt, mit einiger Aussicht auf Erfolg [...] in den Krieg gegen den Nationalsozialismus [...] ziehen zu können. [...] Es ging um Freiheit und Würde des Menschen, die im Dritten Reich zertreten wurden."[173]

Am ehesten wird noch die Beschreibung der Mechanismen, welche zwischen Befehlshabern und Untergeben spielen, akzeptiert. Zwar kritisiert Leisi, der Idealist Frisch messe seine Erlebnisse am "utopischen Ideal einer absolut vollkommenen Gesellschaft," was dazu führe, dass

"eine unvollkommene, aber immerhin humane Demokratie [...] nicht mehr besser als eine systematisch unmenschliche Diktatur" erscheine.[174]

In der Regel stösst Frischs Kritik jedoch auf Verständnis. Kaiser etwa meint:

"Wer je erfahren hat, was 'Dienst' ist, was 'Drill' ist, wer je gelitten hat unter der Absurdität sinnlosen Gehorchen-Müssens, wer die Notwendigkeit eines hierarchischen Systems einzusehen, aber subjektiv nicht ohne Scham hinzunehmen vermochte, der wird in diesem 'Dienstbüchlein' betroffen auf Einsichten, Hinweise und Wunden stossen."[175]

Die deutlichste Unterstützung erhält Frisch von Burger:

"Hauptthema dieser Anklageschrift ist [...] die Entmündigung des Wehrmannes im Dienstbetrieb, die Tilgung und infolgedessen die Vertauschbarkeit der Person, das Dahinvegetieren in einem stumpfsinnigen Kadavergehorsam, der von den Kaderleuten mit Disziplin verwechselt wird."[176]

Auch jener kommt aber zum Schluss, dass "die Armee, will sie weiterexistieren, an ihrer autoritären Struktur festhalten" müsse.[177]

Keinerlei Verständnis bringt lediglich Beck auf, welcher kritisiert, dass Frisch "aber auch alles bejammert":[178]

"Gerade er, der heute Antifaschist par excellence ist, hätte sich über das bisschen Ungemach hinweg setzen sollen, das ihm beschieden war, während andere für ihn und für uns alle ihr Leben im Kampf gegen den Faschismus hingaben."[179]

Anmerkungen

[108] Dienstbüchlein, GW VI, S. 538f; vgl. auch S. 575.

[109] Dienstbüchlein, GW VI, S. 538.

[110] Vgl. Dienstbüchlein, GW VI, S. 539f, 566, 576, 592, 599f.

[111] Dienstbüchlein, GW VI, S. 582; vgl. auch S. 601.

[112] Dienstbüchlein, GW VI, S. 540f.

[113] Dienstbüchlein, GW VI, S. 548.

[114] Die Schweizer Armee verfügte zu Kriegsbeginn über 86 - teilweise veraltete - Jagdflugzeuge und 27 Fliegerabwehrkanonen (Dienstbüchlein, GW VI, S. 551).

[115] "Wie der Nachschub vor sich gehen würde nach Sprengung der Brücken und überhaupt wie der Generalstab sich unsere Kampfkraft dachte nach dem Verlust unsrer Industrie, unsrer Städte, konnte er uns natürlich nicht erläutern; Feind hört mit. Unsere Familien unter deutscher Besatzung, wir aber im Gebirge - so genau brauchten wir es uns nicht vorzustellen in der Hoffnung, dass es doch nicht dazu kommt." (Dienstbüchlein, GW VI, S. 570).

[116] "Es gab eine Angst, die ich nie ausgesprochen habe, auch nicht unter vier Augen: die Angst vor einem kläglichen Zusammenbruch dieser Armee. Sie war nicht von Anfang an vorhanden, diese heimliche Angst, nicht am 2.9.1939. Sie entstand aus einer Summe kleiner und wiederholter Erfahrungen." (Dienstbüchlein, GW VI, S. 612).

[117] Dienstbüchlein, GW VI, S. 592.

[118] Dienstbüchlein, GW VI, S. 566. - Andere Textstellen befassen sich mit Oberstkorpskommandant Ulrich Wille, welcher sich dafür aussprach, "dass die schweizerische Presse endlich ihre ablehnende Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus aufgebe." (S. 578), sowie mit der Rede von Bundespräsident Pilet-Golaz vom 25.6.1940 (S. 593); vgl. auch S. 608f.

[119] Dienstbüchlein, GW VI, S. 563. - Dazu passt die folgende Textstelle: "Dass ein Offizier vor der Mannschaft sich für die Nazi aussprach, das habe ich nie gehört. So wenig wie das Gegenteil." (S. 596).

[120] Dienstbüchlein, GW VI, S. 555; vgl. auch S. 592.

[121] Dienstbüchlein, GW VI, S. 563.

[122] Dienstbüchlein, GW VI, S. 613.

[123] Dienstbüchlein, GW VI, S. 613.

[124] Damit meine ich die von Frisch kritisierte Tatsache, dass auch die Feldprediger immer Offiziere waren: "Es war nie ein Korporal, geschweige denn ein gewöhnlicher Soldat, den Gott sich als Zeugen ausgesucht hätte." (Dienstbüchlein, GW VI, S. 563.)

[125] Dienstbüchlein, GW VI, S. 549f.

[126] Dienstbüchlein, GW VI, S. 611.

[127] Dienstbüchlein, GW VI, S. 557f.

[128] Dienstbüchlein, GW VI, S. 558.

[129] Dienstbüchlein, GW VI, S. 571f.

[130] Dienstbüchlein, GW VI, S. 562.

[131] Dienstbüchlein, GW VI, S. 541-543 u. 547.

[132] Dienstbüchlein, GW VI, S. 561-563.

[133] Dienstbüchlein, GW VI, S. 555. - Ein anderes Beispiel von Machtmissbrauch klingt in einer Textstelle über Arreststrafen an, welche "oft dieselben Leute" trafen und bewirken sollten, dass es die Vorgesetzten "leichter mit den andern" hatten. (S. 592).

[134] Dienstbüchlein, GW VI, S. 607f.

[135] Dienstbüchlein, GW VI, S. 546.

[136] Dienstbüchlein, GW VI, S. 545.

[137] Dienstbüchlein, GW VI, S. 548.

[138] Dienstbüchlein, GW VI, S. 549.

[139] Dienstbüchlein, GW VI, S. 560.

[140] Dienstbüchlein, GW VI, S. 561.

[141] Als Illustration des fehlenden Widerstands mögen die folgenden Textstellen dienen: "Es kam meines Erinnerns nicht vor, dass ein Offizier bei der ganzen Mannschaft und auf Dauer verhasst gewesen wäre. Grund zum Hass hatte der eine oder andere in der Mannschaft; das verstand man von Fall zu Fall, ohne dass es zu einer Solidarität kam." (Dienstbüchlein, GW VI, S. 584.) - "Der Trotz befriedigt sich in einem gemütlichen Selbstmitleid. Es heisst: die andern haben's besser, und so ist es halt und so bleibt es halt." (Dienstbüchlein, GW VI, S. 585.) - Vgl. auch S. 603.

[142] Dienstbüchlein, GW VI, S. 551.

[143] Dienstbüchlein, GW VI, S. 568.

[144] Dienstbüchlein, GW VI, S. 614.

[145] Dienstbüchlein, GW VI, S. 539.

[146] Leisi, Über Max Frisch II, S. 407.

[147] Leisi, Über Max Frisch II, S. 412.

[148] SBR., Allg. Schweiz. Militärzeitschrift 5/1974.

[149] SBR., Allg. Schweiz. Militärzeitschrift 5/1974.

[150] Hilty, Über Max Frisch II, S. 399.

[151] Hilty, Über Max Frisch II, S. 401.

[152] Burger, Aargauer Tagblatt 27.4.1974.

[153] Von Salis, Über Max Frisch II, S. 420.

[154] Von Salis, Über Max Frisch II, S. 422.

[155] Reich-Ranicki, Max Frisch, S. 74f.

[156] Von Salis, Über Max Frisch II, S. 422.

[157] Hilty, Über Max Frisch II, S. 399.

[158] Hilty, Über Max Frisch II, S. 406.

[159] Butz, Die Ostschweiz 25.5.1974.

[160] R., Die Tat 4.5.1974. - Im Sinn der bisher erwähnten Autoren argumentieren auch Burger (Aargauer Tagblatt 27.4.1974) und Kohlschütter (Die Zeit 5.4.1974).

[161] Leisi, Über Max Frisch II, gesamter Artikel.

[162] Etwa die Artikel von Beck, Badener Tagblatt 6.4.1974 ("oberflächliches Pauschalurteil"); O., Neue Zürcher Zeitung 10.3.1974; Bruno Knobel, Nebelspalter 10.4.1974 ("opportunistisch"); SBR., Allg. Schweiz. Militärzeitschrift Mai 1974 ("Klischees").

[163] Leisi, Über Max Frisch II, S. 409.

[164] Leisi, Über Max Frisch II, S. 407.

[165] Leisi, Über Max Frisch II, S. 410.

[166] Leisi, Über Max Frisch II, S. 410.

[167] Burger, Aargauer Tagblatt 27.4.1974.

[168] Von Salis, Über Max Frisch II, S. 422.

[169] Kaiser, Über Max Frisch II, S. 427.

[170] Schmitz, Spätwerk, S. 86.

[171] Bondy, Schweizer Monatshefte 54, S. 690.

[172] Bondy, Schweizer Monatshefte 54, S. 690.

[173] Beck, Badener Tagblatt 6.4.1974.

[174] Leisi, Über Max Frisch II, S. 414f.

[175] Kaiser, Über Max Frisch II, S. 424. Ähnlich argumentiert auch Die Tat: "Alte Soldaten [...] werden dieses Buch mit fachmännischem Interesse lesen und vieles wiederfinden, was sie einst zumeist ärgerte: die Ordnungsorgien, die Leerlaufrituale." (Die Tat 4.5.1974).

[176] Burger, Aargauer Tagblatt 27.4.1974.

[177] Burger, Aargauer Tagblatt 27.4.1974.

[178] Beck, Badener Tagblatt 6.4.1974.

[179] Beck, Badener Tagblatt 6.4.1974.

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