6. Schluss

Es ist offensichtlich, dass Frischs Einstellung zur Landesverteidigung im Verlaufe seines Lebens eine deutliche Veränderung erfahren hat. Dabei lassen sich zwei verschiedene Entwicklungen feststellen: Einerseits haben sich Frischs Ansichten zu bestimmten Themen geändert; andrerseits haben sich jedoch auch die Themen selbst gewandelt.

Das Tagebuch eines Soldaten zeigt Frisch als einen Soldaten, welcher die Armee in ihrer bestehenden Form akzeptiert und deren Sinn nicht in Frage stellt. Zu diesem Zeitpunkt hält er den Krieg für eine Realität, der man nur durch bewaffnete Verteidigung begegnen kann und muss. Dabei erscheint ihm ein solcher Krieg zwar schrecklich, aber nicht ohne positive Nebeneffekte für die Persönlichkeit des Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Drill und Gehorsam empfindet er zwar nicht als angenehm, er erachtet sie jedoch als notwendige Voraussetzung für das Funktionieren der Armee und stellt sich hinter das Kader. Die Schweiz ist noch kein Thema, wenn man von den Landschaftsbeschreibungen absieht.

Diese Ansichten werden in den Blättern aus dem Brotsack vertieft, jedoch nicht wesentlich verändert. Nach wie vor ist die Bereitschaft zur bewaffneten Verteidigung selbstverständlich, und auch gegenüber der Art und Weise, wie eine Armee geführt wird, gibt es keine wesentlichen Vorbehalte. Die akute Bedrohung sowie die Aussicht, eine längere Zeit im Militärdienst verbringen zu müssen, lösen wohl Sinnfragen und Bedrückung aus; aber noch immer spricht Frisch von positiven Impulsen, welche diese Situation auslösen könne. In dieser Situation äussert Frisch auch deutlich patriotische Gefühle gegenüber der Schweiz, die er allerdings nicht mit dem Blut-und-Boden-Denken der Faschisten verwechselt sehen möchte.

Interessanterweise erfolgt in der kurze Zeit später veröffentlichten Neuen Folge der Blätter aus dem Brotsack ein wesentlicher Umschwung. Einerseits äussert Frisch Zweifel an der Vorstellung, dass die Schweiz geeint dem Feind gegenübertrete und dabei auch reelle Chancen habe. Vor allem aber wird Kritik an der Mentalität der Schweizer laut, denen er vorwirft, sie seien wegen ihrer Unbeweglichkeit und Visionslosigkeit geradezu lebensfremd.

Der vollständige Bruch mit seinen früheren Ansichten folgt schliesslich im Dienstbüchlein. Frisch übt massive Kritik an der Oberschicht, welche er mit dem Armeekader gleichsetzt; er wirft ihr vor, die Armee lediglich als innenpolitisches Machtinstrument gegenüber der Bevölkerung zu missbrauchen und zumindest Sympathien gegenüber den Nationalsozialisten zu hegen. Nachträglich entdeckt er viele Beispiele für Machtmissbrauch durch Offiziere, und auch den Drill und den Gehorsam empfindet er nur noch als Disziplinierungsinstrument. Der alte Frisch erschrickt bei der Vorstellung, wofür er sein Leben hätte aufs Spiel setzen müssen: für ein faschistoides Grossbürgertum, das zugunsten des Profits jede Moral über Bord wirft, und für ein Schweizertum, das nur aus Folklore besteht und keinerlei Visionen für die Zukunft hat. Er meldet auch erhebliche Zweifel an am Willen und an der Fähigkeit der Schweiz, sich gegen das nationalsozialistische Deutschland militärisch zu verteidigen und gesteht gleichzeitig ein, wie er unter dem Militärdienst gelitten hat. Von einer positiven Veränderung, welche die Bedrohung mit sich bringen könnte, ist nun nicht mehr die Rede.

© 2007 Martin Sauter | Optimiert für Mozilla Firefox