Das Internet mutiert zum Musikshop. Dank der Komprimiertechnik MP3 laden sich Musikfans die neuesten Titel direkt aus dem weltweiten Datennetz herunter.
Dieser Artikel ist im «Magazin» (Kundenzeitschrift der Kantonalbanken) 4/2000 erschienen. Er ist auch im PDF-Format verfügbar.
Martin Sauter
Immer mehr Musikinteressierte laden sich Ihre Lieblingsstücke in digitaler Form direkt aus dem Internet herunter. Möglich macht dies das Musikformat MP3. Das Kürzel steht für komprimierte Musik von hoher Qualität. Stücke, die mit der MP3-Technik digitalisiert wurden, brauchen sehr wenig Speicherkapazität und eignen sich deshalb bestens für die Verbreitung via Internet. MP3 verändert die Art und Weise unseres Musikkonsums radikal. Und bereitet der Musikindustrie Sorgen.
Die Zahl jener, die zum Musikhören nicht mehr die Stereoanlage, sondern ihren Computer nutzen, steigt. Dahinter steckt eine neue Technik für digitale Tonaufnahmen: MP3. Das MP3-Verfahren macht es möglich, Musik sehr stark zu komprimieren, ohne dabei wesentliche Qualitätseinbussen in Kauf nehmen zu müssen. Während eine Minute Musik auf einer normalen CD rund zehn Megabyte Speicherplatz belegt, ist es bei einer MP3-Aufnahme nur gerade ein Megabyte. Und weil die resultierenden Tondateien so kompakt sind, lassen sie sich mit einem normalen Modem in vernünftiger Geschwindigkeit direkt aus dem Internet herunterladen. Anschliessend können sie entweder auf dem Computer abgespielt oder auf ein entsprechendes digitales Abspielgerät - sogenannte MP3-Player - übertragen werden.
Unterwegs Musik zu hören ist beliebt. Seit der Einführung des Walkman - dieses kleinen Kassettengerätes mit Kopfhörern - lassen sich viele Menschen beim Joggen, im Zug oder Tram mit Musik berieseln. Während der Ur-Walkman noch mit Tonbandkassetten arbeitete, sind heute portable CD- und MiniDisk-Player längst Standard. Allen Geräten gemeinsam ist jedoch, dass die Musik von einem Tonträger gelesen wird, was zwei entscheidende Nachteile mit sich bringt: Erstens bestimmt der Tonträger die minimale Grösse des Geräts, und zweitens führen schnelle Bewegungen oder Erschütterungen zu Gleichlaufschwankungen oder Aussetzern bei der Wiedergabe.
Bei den portablen MP3-Playern treten keine solchen Probleme auf: Die Musik wird vom Computer via Kabel direkt in den Speicher des Players übertragen. Heutige Speicherchips sind so klein, dass nicht sie, sondern die Bedienungselemente und Batterien bestimmen, wie klein man ein MP3-Gerät bauen kann. Und weil keine empfindliche mechanische oder optische Abtastung eines Tonträgers notwendig ist, könnte man theoretisch sogar beim Bungee Jumping ohne Qualitätseinbussen Musik hören.
Kein Wunder also, dass die Elektronikindustrie ihren neuen Verkaufsschlager gefunden zu haben glaubt: Mobile MP3-Player in allen Varianten füllen die Schaufenster und Versandkataloge. Da die Technologie so kompakt ist, lassen sich MP3-Player sogar in andere Geräte wie elektronische Agenden, Handys, Digitalkameras oder Armbanduhren einbauen.
Musikgenuss für unterwegs: die MP3-Player haben den Walkman abgelöst.
Was die Elektronikindustrie freut, macht der Musikindustrie Sorgen. Die Produzenten (und mit ihnen die Musiker) sahen in Aufnahmegeräten schon immer eine Bedrohung ihrer Einnahmequellen. Schliesslich kann man mit Recordern nicht nur ganz legal eigene Musik aufnehmen und vervielfältigen. Genauso kann man Kopien von urheberrechtlich geschützten Schallplatten und CDs herstellen, anstatt sie zu kaufen - was natürlich illegal ist. Bereits bei der Einführung der Tonbandkassette fürchtete die Musikindustrie, Raubkopien könnten den Tonträgermarkt zusammenbrechen lassen. Bei den ersten digitalen Aufnahmegeräten, den sogenannten DAT-Recordern, wurden dann erbitterte Auseinandersetzungen um eine Kopiersperre geführt, was die Verbreitung der DAT-Recorder nachhaltig behinderte.
Die Sorgen der Plattenproduzenten scheinen übertrieben - schliesslich werden trotz Kassetten- und DAT-Recordern auch heute noch Tonträger in rauhen Mengen verkauft. MP3 stellt nun aber eine wesentlich ernstere Bedrohung der musikalischen Urheberrechte dar. Erstens deshalb, weil MP3 keinerlei Kopiersperren vorsieht, so dass die Aufnahmen unendlich oft und ohne jeden Qualitätsverlust kopiert werden können. Zweitens deshalb, weil die Kopien durch den Internet-Boom der letzten Jahre nicht mehr bloss im Freundeskreis, sondern weltweit verteilt werden. Und drittens deshalb, weil MP3 derart schnell populär geworden ist, dass die Musikindustrie gewissermassen rechts überholt wurde: Während sie noch an sicheren Systemen für den Online-Verkauf von Musik arbeitete, boten bereits unzählige Server im Internet legale und illegale MP3-Aufnahmen zum kostenlosen Download an.
Wohin die Entwicklung geht, ist derzeit noch offen. MP3 lässt sich jedenfalls nicht mehr aus der Welt schaffen, zumal heute jeder PC oder Mac mit einer Software ausgeliefert wird, die MP3-Aufnahmen wiedergeben kann. Ob es die Musikindustrie je schaffen wird, ein zuverlässiges und trotzdem komfortables Kopierschutz-System flächendeckend durchzusetzen, bleibt abzuwarten. Wer sich nicht um das Copyright schert, der wird sich wohl auch in Zukunft kostenlose Kopien von kommerziellen Aufnahmen beschaffen können.
Andrerseits hat MP3 auch Nachteile. So ist das Einlegen einer normalen Musik-CD natürlich komfortabler als das Überspielen der MP3-Dateien vom PC in den MP3-Player. Weil der Speicher des Geräts meist nur eine Stunde Musik aufnehmen kann und Speichererweiterungskarten ins Geld gehen, fällt diese Prozedur regelmässig an. Auch die Klangqualität könnte für anspruchsvolle Hörer ein Argument sein, weiterhin CDs zu kaufen. MP3 kann zwar geschickt unwichtige (sprich unhörbare) Teile aus dem Audiosignal herausfiltern; ob allerdings die Datenreduktion einer MP3-Aufnahme wirklich keinen Qualitätsverlust mit sich bringt, darüber streiten sich die Experten.
Letztlich macht MP3 ein Problem deutlich, das nicht nur für die Musik gilt, sondern für alle kreativen Leistungen, soweit sie sich in eine digitale Form transformieren lassen. Im Zeitalter des Computers und des Internets sind Konsumenten immer weniger bereit, für solche Leistungen zu bezahlen. Das Kopieren von Audio-CDs und Computerprogrammen gilt als Kavaliersdelikt, und dass man im Internet wertvolle Information kostenlos bekommt, wird als normal empfunden. Es bleibt die Frage, ob die wirklich kreativen und klugen Köpfe nicht bald einmal die Lust verlieren, kreativ und klug zu sein, wenn niemand für die Früchte ihrer Arbeit zahlen will. So gesehen könnte uns MP3 lediglich ein noch grösseres Angebot an mittelmässigen Aufnahmen bescheren.
Autor: Martin Sauter, lic. phil. I, New Media Consultant bei FutureCom interactive AG und während 10 Jahren stv. Chefredaktor der Zeitschrift "Workshop Musiker-Magazin"